Ein Sommertag, die Sonne steht heiß am Himmel, die Blumen blühen, die Heuschrecken hüpfen vor Ihren Füßen auf, während Sie durch eine Wiese wandern. Ein Heuhaufen am Wegesrand - sein Duft steigt Ihnen in die Nase und plötzlich sind sie alle wieder da, die Bilder aus der Kindheit: der Urlaub auf dem Bauernhof, Kinder in Lederhosen und Dirndln, die Mithilfe beim Heueinbringen, das Mittagsmahl im Schatten, die Heimfahrt auf dem Wagen, der Sprung vom Heuboden und die weiche - mitunter auch stachelige - Landung im duftenden Berg aus Gräsern und Blumen.
Oder ein „normaler“ Tag in Ihrem Leben: Sie sind in Eile, vielleicht auf dem Weg zur Arbeit. Da plötzlich von irgendwoher der Duft einer Rose. Sie halten kurz inne, saugen soviel wie nur möglich von dem herrlichen Geruch ein. Ihr Gesicht entspannt sich, die Mundwinkel gehen nach oben. Beschwingter als zuvor setzen Sie Ihren Weg fort.
Dies nur zwei Beispiele, wie Düfte auf uns wirken - und die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Gerüche begleiten unser ganzes Leben: sie warnen uns vor Gefahren (z.B. Brandgeruch) oder zeigen an, was uns gut tut; sie beeinflussen unsere Stimmungen und Motivationen, unsere Vorlieben und Abneigungen, die Anziehung, die wir für andere Menschen - und diese für uns - empfinden; sie steuern unseren Appetit (was wäre das Essen ohne den Duft der Speisen!), wirken auf unser vegetatives Nervensystem (Herzschlag, Atmung, Verdauung...), sind Ausdruck unseres Gemüts- u. Körperzustandes, Auslöser von Erinnerungen und Assoziationen.
Verarbeitet werden Geruchseindrücke - nachdem sie über die Riechschleimhaut in der Kuppel der Nasenhöhle mit ihren 10 Millionen Nervenzellen aufgenommen und über den Riechkolben
weitergeleitet worden sind - im stammesgeschichtlich ältesten Abschnitt unseres Gehirns, dem Limbischen System (einem Teil des Stammhirns).
Anders als Hör- u. Seheindrücke werden Gerüche dabei nicht zuerst von Zentren der
Großhirnrinde, d.h. von unserem bewussten Denken, analysiert und zensiert, bevor sie eine Reaktion auslösen, denn ihre ursprüngliche Funktion war es, den Menschen über (Lebens)Gefahr bzw. Sicherheit zu informieren und den Körper dementsprechend in Sekundenschnelle auf die Notwendigkeit von Angriff bzw. Flucht vorzubereiten.
Gerüche wirken außerdem unmittelbar auf unser Gefühlsleben und unser Unbewusstes – eine Tatsache von der heute ganze Industriezweige leben und die sich auch die Jahrtausende alte und heute - nach einer durch die Industrialisierung bedingten Pause - wieder auflebende
Aromatherapie zunutze macht.
© Margot Handler
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